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Natural Pollock
25. March 2010
Was aussieht wie ein Stück Mondoberfläche, ist auch in Wirklichkeit keine Skulptur von Jackson Pollock. Der Herausgeber hat sich schamlos bei Marcel Breuer bedient. Dessen Pyramide, das Whitney Mausoleum, beherbergt bedeutende Opfergaben amerikanischer Sammler.
Washington
24. March 2010New York - Aus dem Archiv
22. March 2010“Aufräumen” hat eine nicht zu leugnende negative Konnotation. Ein Blick ins Archiv (Sommer 2009) hat jedoch auch positive Aspekte. Einige dieser finden sich in der Erweiterung des Albums “New York“.
Die Hauptmannstochter
20. March 2010Was wäre das Werk Thomas Manns ohne die - mal mehr, mal weniger - filigranen Anspielungen auf die eigene Biografie? Wäre es ihm überhaupt möglich gewesen, im “Tod in Venedig” einen geifernden Gustav von Aschenbach zu stilisieren, ohne an Paul Ehrenberg, seine “zentrale Herzenserfahrung” zu denken? Hätte uns Hermann Hesse die Eigenauseinandersetzung Peter Camenzinds glaubhaft näherbringen können, wäre die Titelfigur nicht das Sprachrohr des Autors? Ist die eigene Entwicklung nicht notwendigerweise der Impuls zu künstlerischer Ausdrucksfindung? Lässt sich überhaupt sinnvoll bestimmen, ob und inwieweit Autobiografisches einem Werk innewohnt? Wo Gefühle beschrieben werden, bedarf es der Logik weniger. Im Ergebnis stehen zumeist bewegende Zeugnisse einer Auseinandersetzung mit sich selbst.
Alexander Sergejewitsch Puschkin führt uns selbiges mit seinem letzten großen Roman “Die Hauptmannstochter”, der 1836 erschien, eindrucksvoll vor Augen. Vor dem Hintergrund der russischen Bauernaufstände in den Jahren 1773-1775, angeführt vom gefürchteten Jemeljan Pugatschow, beschreibt der fiktive Herausgeber die persönliche Geschichte des jungen Adligen Pjotr Andrejewitsch Grinew. Dieser ist es, der den Autor fasziniert und widerzuspiegeln vermag. So erscheint es wenig zufällig, dass Grinew auf einem Landgut aufwächst, es als Soldat nicht sonderlich zu Ehren bringt und eher durch politisches Engagement auffällt, was das Verhältnis zum Vater zerrüttet. Puschkin selbst war es, der, ob Bildung und adliger Herkunft, Sympathien mit den antizaristisch eingestellten Dekabristen bekundete, wenngleich er ihnen nicht angehörte. Seine Verbannung nach Sibirien wurde dennoch nur durch einflussreiche Freunde verhindert; ein weiteres Element, dem wir im Roman wiederbegegnen sollen. In dieser Zeit lernt der junge Schriftsteller, dessen Erstlingswerke von der Kritik nur verhalten aufgenommen werden, die Dekabristin Marija N. Wolkonskaja kennen; eine Begegnung, die sich wohl im Namen der Hauptmannstochter ebenfalls niedergeschlagen haben dürfte.
In heftigem Schneetreiben gestrandet, auf dem Weg zum ersten - durch den Vater vermittelten - Militärdienst trifft Grinew erstmals (unwissentlich) auf Pugatschow, der ihnen sicheres Geleit in ein nahegelegenes Wirtshaus ermöglicht. Zum Dank erhält dieser seinen Hasenpelz. Ähnlich wie in Kleists “Käthchen von Heilbronn”, schlägt nun ein Traum die Brücke zur weiteren Handlung. Damit verschreibt sich der Autor zwar der romantischen Erzähltradition, bricht sie jedoch durch eine betont nüchterne Sprache und psychologischen Feinsinn gleichzeitig wieder auf. In den folgenden Kapiteln, größtenteils in der Festung Belogorsk, wo Grinew stationiert ist, angesiedelt, entfaltet sich gleichsam der Antagonismus zur Figur Schwabrins und die Zuneigung zu Mascha, der Tochter des dortigen Kommandanten. Es kommt zum Duell mit Schwabrin, der ebenfalls ein Auge auf die schöne Dame geworfen hat, in dem Grinew durch einen Hinterhalt seines Gegners nur knapp mit dem Leben davonkommt. Die Nachricht zieht geschwind ihre Kreise und veranlasst seinen Vater zur Absage einer Beziehung mit Mascha. Desillusioniert aufgrund der Unmöglichkeit einer Verbindung schreibt er die folgenden Verse:
Zu verbannen Liebeswehe,
Bin ich oftmals jetzt allein,
Denn ich meide Maschas Nähe,
Um aufs neue frei zu sein!
Doch die Augen, die mich banden,
Gehen nicht aus meinem Sinn;
Mein Verstand kam mir abhanden,
Ach, und meine Ruh ist hin.
So erkenn denn meine Schmerzen,
Mascha, und erbarm dich mein;
Sieh die Pein in meinem Herzen,
Rette den Gefangnen dein.
Erneut Handlung vorwegnehmend, sind es diese Verse, die er Schwabrin vorträgt, die zum Duell führen, die die “Schmerzen” überhaupt erst begründen. Dabei stellt sich die Frage, ob durch Verbannung von Gefühlen überhaupt Freiheit erlangt werden kann; ein Begriff, den Grinew kurz zuvor mit “jemanden in Stachelhandschuhen halten” paraphrasiert hat.
Der Stillstand, in den Grinew zunehmend verfällt, wird mit dem Einbruch der historischen Ereignisse aufgelöst. Pugatschow ist inzwischen mächtig geworden und erobert mit seinem Heer Festung um Festung, bald auch Belogorsk, wobei der Kommandant und seine Frau hingerichtet werden. Auch Grinew hängt am Galgen, wird jedoch von Pugatschow erkannt und freigelassen und kann sich ins nahegelegene Orenburg absetzen. Währenddessen übernimmt Schwabrin die Verwaltung der Festung, worunter auch Mascha fällt, die Unterschlupf im Hause des örtlichen Priesters gefunden hat. Ihr gelingt es später in Verzweiflung über ihre Lage, einen Brief an Grinew zu schreiben, der daraufhin den Weg zurück zur Festung bestreitet, um sie zu retten. Dabei gerät er ein weiteres Mal in die Fänge Pugatschows, der ihm jedoch hilft. Grinew und Mascha sind wieder vereint, doch erneut verhindern äußere Einflüsse ihr Zusammensein. Nach der Niederschlagung des Bauernaufstands wird Grinew bezichtigt, mit Pugatschow kollaboriert zu haben, was seine unmittelbare Verhaftung zur Folge hat. Einer Verbannung nach Sibirien entgeht er nur, da sich Mascha an den russischen Zarenhof wagt und bei Katharina II. um Gnade bittet.
An dieser Stelle endet der verhältnismäßig kurze Roman, in dessen Zentrum das widersprüchliche Verhältnis zwischen Pugatschow und Grinew steht. Und dennoch lautet der Titel dieser an Spannung nicht armen Geschichte nicht etwa “Der Usurpator” oder “Der adlige Sergeant”, sondern “Die Hauptmannstochter”. Ist es doch eigentlich Mascha, die Stillstand verursacht, die in ihrer Rolle vollkommen vom Willen Schwabrins, Grinews und Pugatschows abhängig ist, um schließlich doch diejenige zu sein, die uns die schier unmögliche Katharsis herbeiführt; ein Ende, das schon fast surreal erscheint, ähnlich dem der Dreigroschenoper, in welchem der Schwerverbrecher Mackie Messer nicht nur begnadigt, sondern von der Königin höchstselbst zusätzlich in den Adelsstand erhoben und mit einer üppigen Rente ausgestattet wird. Dass Puschkin die Zarin, die größte Widersacherin Pugatschows, eine Rolle spielen lässt, erscheint daher mehr als Verweis auf die historische Grundlage, mit welcher er sich zu jener Zeit umfassend beschäftigte. Betrachtet man hingegen den Ausgang der Geschichte als “besonders herausragende Leistung”, rechtfertigt sich die Bezeichnung “Heldin” und damit der Romantitel.
Grinew handelt an keiner Stelle außergewöhnlich. Er bahnt sich seinen Weg durch die Erzählung zwar mit Heldenmut, doch ist auch sein Erfolg immer von externen Einflüssen abhängig; sei es von der Zustimmung seiner Eltern, dem Degen Schwabrins, der Gnade Pugatschows oder eben auch der Liebe Maschas. In diesem Rahmen handelt er tugendhaft, hält selbst in der ausweglosesten Situation an seinen Prinzipien fest. Besonders seine Neigung zur Wahrheit darf ihm dabei als Verdienst angerechnet werden, ist er sogar vor Gericht gewillt “nur die lauteste Wahrheit zu auszusagen”, da er diese Methode nicht nur für “die einfachste, sondern auch für die allerbeste” hält. Seine Begnadigung erscheint insofern gerecht. An anderer Stelle verwundert seine Prinzipientreue, dann nämlich, als er die Möglichkeit hat, sich mit Mascha auf das Gut seiner Eltern zurückzuziehen. Doch unterwirft er sich ausgerechnet in dieser Situation erneut dem Militärdienst, dem er mit so viel Abneigung gegenübersteht, was Puschkin den fiktionalen Herausgeber mahnen lässt:
“Jüngling, dem diese Aufzeichnungen in die Hände fallen sollten, denke immer daran, dass die besten und dauerhaftesten Veränderungen nur die sind, die ohne gewaltsame Erschütterungen einzig der Verbesserung der Sitten entspringen.”
Puschkin bringt uns damit auch eine russische Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts näher, in denen die Bedeutung militärischer Würden gänzlich ohne Konkurrenz gipfelt, was Anton Tschechov später in seiner Erzählung “Der Orden” humoristisch aufgreifen soll. Diese Tendenz, die sich auch im übrigen Europa, besonders im Deutschen Kaiserreich fortsetzte, begünstigt jene patriarchalische Strukturen, die Mascha zum Opfer und Grinew zum Soldat machen müssen. Im Gegensatz dazu wendet sich der Autor an die junge Generation, wenngleich nur dem männlichen Teil derselben, und appeliert an Fortschritt durch Gewaltlosigkeit.
Pugatschow sucht den Fortschritt in der erbarmungslosen Gewalt, mordet, unterwirft und brandschatzt. Sein Wesen wird von Puschkin zumeist märchen- oder volksliedhaft untermalt. Pugatschow als Sohn des Volkes, seiner Zeit? Fest steht, dass zu Zeiten, als Puschkin die Schauplätze der historischen Handlung besuchte, mehr als 60 Jahre nach der Niederschlagung der Aufstände, jener Pugatschow noch immer in den Köpfen der Menschen verankert war, gar ehrfürchtig verehrt wurde, als der “wahre Große Fürst von Moskau”. Sympathie mit einem Usurpator? Dieser Widerspruch ist es, der dem Roman seine besondere Relevanz einräumt. Parallelen zur Wirkung von Oliver Hirschbiegels Film “Der Untergang” tun sich auf, der es vermag, Hitler als einen Menschen darzustellen, der durchaus zu menschlichen Gefühlen fähig war und dem Zuschauer trotz seiner unbestrittenen Grausamkeit einen Hauch von Sympathie einflößt. Nicht zuletzt wissen wir, wie sehr er der “Führer” eines ganzes Volkes war, ein gewaltbereiter Demagoge, ein brutaler Massenmörder. Hirschbiegel also ein zeitgenössischer Puschkin? Mit dem heutigen Tag sind WIR mehr als 60 Jahre von einer Schreckensherrschaft entfernt und sehnen uns in Zeiten gesellschaftlichen Abschwungs erneut eine Leitfigur herbei, rühmen die charismatischen Köpfe der Vergangenheit, apotheotisieren einen Helmut Schmidt oder, je nach politischer Überzeugung, einen Franz Josef Strauß, sehen radikalere Denkrichtungen erstarken.
Pugatschows Allgegenwart endet nicht mit seinem Tod. Vielleicht ist das der Grund, warum er Grinew zunickt, ehe sein Haupt fallen wird.
Der Vollständigkeit halber und wegen des einleitenden Verweises auf die biografischen Parallelen, sei gesagt, dass Alexander Sergejewtisch Puschkin durch eine Intrige in ein Duell mit einem französischen Gardeoffizier mit weniger glücklichem Ausgang verwickelt wurde. Er erlag zwei Tage später seinen Verletzungen, am 29. Januar 1837. “Die Hauptmannstochter” blieb sein letztes vollendetes Werk und sollte den Aufbruch in eine neue Zeit markieren; weg von den Traditionen, hin zu einer modernen russischen Literatur.
From United States to United Kingdom
12. September 2009Während ich derzeit an einem großen Artikel zu New York schreibe, hat es mich schon nach Großbritannien verschlagen. Bis zum Ende des Jahres werde ich in Cambridge studieren. Für diesen Zweck möchte ich meine Kontaktdaten hinterlegen.
c/o Kate Agazarian
12 Aberdeen Avenue
CB2 8DP Cambridge
United Kingdom
Eine aktuelle Telefonnummer wird noch nachgereicht.
America XXL
27. August 2009“New York, das ist nicht Amerika!” Was anfangs wie eine nicht wirklich ernst gemeinte Behauptung klingt, erfährt seine traurige Rechtfertigung beim Blick durch die Städte und Gemeinden außerhalb der Metropole.
Ich befinde mich im grünen Naturparadies Pennsylvania, nahe des Susquehanna Rivers, der sich malerisch in der Abendsonne wiegt. Ich freue mich auf eine Mahlzeit, da mir die vielen typischen amerikanischen Bauernhöfe mit ihren Ford Trackern, Zylindersilos mit Halbkugelkappe und hölzernen Getreidespeichern Appetit gemacht haben. Ein gutes Stück Steak wäre jetzt genau das Richtige. Schon ist die Ausfahrt in eine angrenzende Kleinstadt genommen.
Und tatächlich fast wie auf Abruf gewinnt ein überdimensionales Plakat, das viele weitere überragt, meine ungeteilte Aufmerksamkeit; darauf ein saftiges, durchgebratenes Stück Fleisch in voller Schönheit. Das ist Friendly, wie der große rote Schriftzug verrät, dem ich absolut zustimme. Somit fällt meine Wahl natürlich auf dieses Restaurant und nicht auf McDonalds, das sich gegenüber befindet. Eine Straße weiter lädt Burger King zum Abendessen, in direkter Nachbarschaft zur mexikanischen Küche von Taco Bell. Auch Wendy’s lockt auf einer nahegelegenen Anhöhe mit seinen Köstlichkeiten. Arby’s rundet schließlich die kulinarische Vielfalt ab.
Indes begrüßt mich - ganz außer Atem - die kugelige, sympathische Wirtin des Hauses und weist mir einen lauschigen Platz am Fenster zu. Von dort verschnaufe auch ich und sehe dabei der Familie am Nachbartisch bei der Mast zu. Die in Relation zur Körpermasse klein wirkenden Köpfe der Jüngsten kann ich hinter den Cola-Eimern nicht erkennen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich diese aus Gründen der Schwerkraft bei der Nahrungsaufnahme nur knapp über den Tellern befinden. Ihre Wahl ist offensichtlich auf ein umfangreiches Burger-Menü gefallem, zu welchem traditionell ein Trog mit frittierten Kartoffelscheiben gereicht wird. Die Mutter der beiden, die weiteren Nachwuchs in Brüsten, Beinen und Bauch zu tragen scheint, ertränkt die Beilage derweil liebevoll in Ketchup aus dem Hause Heinz.
Inzwischen halte ich die Speisekarte in den Händen. Man könnte annehmen, dass diese tatsächlich zum Speisen genutzt wird. Fettig sind aber auch die zur Auswahl stehenden Gerichte. Preisleistungssieger sind Menüs. $10 für eine festgelegte Mahlzeit mit Getränk und Dessert. Die illustre Runde zu meiner rechten kombiniert daraus fleißig, freudig und vor allem günstig. Denn sie wissen: kleine Einheiten sind teuer, aber große Einheiten sich nicht viel teurer, was dazu verleitet, riesige Portionen zu bestellen. Mit anderen Worten: die Zunahme des Preises bei steigenden Volumina ist marginal. Würde man dieser Disproportion folgen, wäre es rentabel, einen Swimming-Pool gefüllt mit Starbucks-Kaffee aufzukaufen und anschließend daraus Tassen abzufüllen, die man für einen Handkuss verkauft. Der typische Kaffeekonsument mang nun weniger an profitablem Weiterverkauf interessiert sein. Doch wo nur eine Münze zwischen Schale und Schüssel liegt, wird zumindest sein Hang zum Überkonsum angereizt.
Das Ergebnis lässt sich eindrucksvoll am besagten Nachbartisch bewundern. Fast Food drückt dort offenbar nicht die Dauer der Zubereitung , sondern eindeutig die Verzehrgeschwindigkeit aus. Währenddessen wird damit geworben, dass ein einziger Shake acht Kugeln Eis enthalte und brüstet sich mit immer kalorienreicheren Fleischbergen, als herrsche historische Nahrungsmittelknappheit, der es opportunistisch entgegenzutreten gilt. Ehrfurchtsvoll werden menschliche Maschinen gepriesen, denen es gelingt, die meisten Pizzen innerhalb einer vorgegeben Zeit zu verschlingen. Nur schnell muss es gehen, das ist der Gedanke sowohl bei Konsument, als auch bei Produzent.
Während ich auf meinen Gartensalat warte - der Bratfettgeruch hat mir den Appetit ein wenig reduziert - denke ich an zukunftsträchtige Supermärkte, in die man mit dem Auto fahren kann und Lebensmittelvorräte via Knopfdruck automatisch in den Kofferraum befördert bekommt. Das würde das lästige Herumtragen und -schieben von Einkäufen enorm erleichtern. Oder aber ein neuartiger Hackwürfel, der alle Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate im Überfluss enthält, sofort sättigt und der ganz nach Belieben in der Mikrowelle aufgewärmt werden kann. Außerdem enthielte er eine Vielfalt an Präparaten, die den Cholesterin-Haushalt nicht aus dem Ruder laufen lassen, die Folgen von Diabetis im Rahmen halten und Übergewicht bekämpfen.
Die Gespräche, die ich einfangen kann - bei vollem Mund spricht es sich bekanntlich schlecht - drehen sich größtenteils ums Essen, natürlich nicht um die Folgen desselben und schon gar nicht um die Ursachen. Diesen geht Elizabeth Kolbert in einem im Juli 2009 erschienenen Artikel im New Yorker nach und stellt provokant die Frage “Why are we so fat?” Unter Berufung auf die National Health Studies skizziert sie die drastischen Ausmaße der amerikanischen Fettleibigkeit. Dabei macht sie deutlich, dass die menschliche Evolution zweifelsfrei Auswirkungen auf unser Essverhalten hat, doch genügen diese Ansätze bei weitem nicht, um zu erklären, dass allein in den zurückliegenden zehn Jahren kollektiv mehr als eine Milliarde Pfund an Gewicht zugelegt wurde. Vielmehr geht Kolbert auf die Strategien der Konzerne ein, die festgestellt haben, dass größere Einheiten den Umsatz ankurbeln. Somit kommt auch sie zum Schlussurteil: “Human appetite is elastic: give us more and we’ll eat more”.
Inzwischen bin ich wieder zurück in New York. Auch hier ist Übergewicht ein heikles Thema, doch verglichen mit pennsylvanianischen Autobahnrastplätzen (Gibt es eigentlich eine Korrelation zwischen Bildungsgrad und Ernährungsbewusstsein?) habe ich ein insgesamt schlankeres Bild. Hier sind viele Menschen unglaublich engagiert, etwas für ihre Gesundheit zu tun: Fitnessstudios sind bis aufs letzte Laufrad besetzt, der Central Park ist am Wochenende fest in der Hand von Sportbegeisterten, Vitamin- und Bioläden schießen wie Pilze aus dem Boden. Ist das die radikale Reaktion auf die Ergebnisse der zuvor erwähnten Studien? Oder vielleicht nur ein temporärer Boom? Ich persönlich kann besser damit leben, wenn sich das Bewusstsein und damit die Umsatzverteilung eher zugunsten von gesunden Supermarkt- als Junkfoodketten auswirkt. In New York denke ich dabei vor allem an Wholefoods, Zabar’s, Westside Market oder Fairway, die mit einer immensen Auswahl an wahren Köstlichkeiten (d.h. weniger auf einer perfekt vermarkteten Kombination aus Salz, Fett und Zucker beruhend) den Gaumen verwöhnen; wissend, dass Sattwerden womöglich dort teurer ist als bei McDonald’s. Auf lange Sicht hingegen - allein unter Berücksichtigung der Belastungen von Krankenkassen für die Behandlung von Diabetes - mag die Rechnung nun jedoch wieder die Obsttheke bevorzugen.
Abschließend bleibt zu hoffen, dass das Modell einer Krankenversicherung für alle, das Barack Obama derzeit vorantreibt, auch das Bewusstsein fördert, dass nichts wichtiger ist als die eigene Gesundheit. Nun hat nicht jeder Amerikaner solch einen Appetit auf Burger wie Morgan Spurlock in seinem 2004 erschienenen Dokumentarfilm “Super Size Me”, doch alarmierend sollte sein Beispiel dennoch sein, da es zeigt, was man sich mit dem scheinbaren und schnellen Genuss eigentlich antut - wie so oft im Leben.
Columbia University
31. July 2009Meine Zukunftsvorstellungen drehen sich momentan um eine Entscheidungsfrage: direktes Masterstudium oder weitere Praxiserfahrungen? Nun sitze bei sommerlich-schwülem New Yorker Klima auf den Treppen der Columbia University und sehe meine Entscheidung deutlich zugunsten einer der beiden Möglichkeiten beeinflusst. Es weckt Sehnsucht, wenn man sich in die Morningside Heights begibt und von jenem monumentalen klassizistischen Gebäudekomplex umgeben ist, der Pulitzer- und Nobelpreisträger in der Vergangenheit förmlich produziert hat. Mein Blick fällt auf die vielen Studenten, die sich in deren Fußstapfen begeben möchten und eilig zur Vorlesung rennen oder gerade ihr Mittagessen (d.h. Starbucks Iced Coffee und Bagel) verspeisen. Nicht zuletzt auch das entfacht Wunsch und Antrieb, selbst die Beine in die Hand zu nehmen, um dafür zu sorgen, hier auch einestages über den Campus zu wandern; dann jedoch nicht als Außenstehender, sondern als Student oder Alumnus.
Independence Day
6. July 2009Mit diesem Artikel möchte ich nicht etwa einen zweitklassigen Film besprechen, sondern vielmehr von den Erlebnissen rund um den Nationalfeiertag in den Vereinigten Staaten berichten. July 4th, das ist hierzulande wohl fast schon eine heilige Formel. So heilig, dass der Tag vor dem 4. Juli inzwischen auch schon zum landesweiten Feiertag erklärt worden ist. Angesichts von nur 15 Tagen gesetzlicher Regelurlaubszeit mag es demnach kaum verwundern, dass die Amerikaner einen zusätzlichen Anlass für ein enthusiastisches Fest mitten im Hochsommer sehen. Der Unabhängigkeitstag, der der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1776 gedenkt, wird heutzutage jedoch vielmehr mit Baseball-Matches, Konzerten und Feuerwerk in Verbindung gebracht als mit der Würdigung des zugrundeliegenden historischen Ereignisses.
Ich habe den Tag in New York verbracht und wurde Zeuge eines gigantischen Feuerwerks entlang des Hudson Rivers, das freundlicherweise vom Einzelhandelskonzern Macy’s gesponsert wurde. Thomas Jefferson wäre bei diesem fast halbstündigen Spektakel aus Formen und Farben sicher erfreut gewesen, wenn er Zeuge dessen geworden wäre. Am Abend des 4. Julis 2009 waren es hingegen mehr als eine Million Zuschauer, die sich am Ufer der New Yorker Westside versammelten und nocheinmal gefühlt mindestens genauso viele Polizisten. Sie alle drängten sich durch die Straßen zwischen der 20th und 60th, so dass es nicht gerade angenehm war, aus nächster Nähe mit dabei zu sein. Die dafür durch Sterne und Streifen induzierte Hochstimmung überdeckt solche Gedanken aber schnell wieder.
Dennoch bleibt zu klären ob es denn wirklich - mehr als 200 Jahre nachdem die Tinte der Gründerväter der amerikanischen Nation getrocknet ist - “self-evident” [ist], “that all men are created equal”.
Central Park
15. June 2009Er ist Gegenstand zahlreicher Legenden, Tatort zahlreicher Verbrechen und zugleich Zufluchtsort zahlreicher New Yorker: der Central Park, grüner Korridor im Herzen Manhattans. Er wurde vor 150 Jahren eröffnet, nachdem sich Frederick Law Olmsted und Calvert Vaux nicht wenig Gedanken gemacht haben, wie man das ehemalige Sumpfgebiet in ein Erholungsgebiet verwandeln könnte. Bei so vielen Fehlentscheidungen zur Bebauung der Stadtfläche, muss man die Entscheidung der New Yorker Bürger und Bürgermeister deutlich honorieren. Immerhin haben sie kostbare 5% ihres Platzes hergegeben, um von der 59th bis zur 110th ein 3,4 km² großes Areal zu gewährleisten. Nach Vorbild der europäischen Gartenarchitektur wurden über 500.000 Bäume und Sträucher gepflanzt; es entstanden künstliche Seen, Sport- und Spielplätze, Restaurants, Fußwege, Statuen und kleinere Monumente. Heutzutage ist das pittoreske Idyll nicht mehr wegzudenken, auch wenn - oder gerade weil - die umliegenden Gebäude immer höher hinauswachsen. Gerade im Sommer ist es sehr angenehm, wenn man dem aufgeheizten Beton und Stahl der Avenues, dem dauerhaften Verkehrslärm und dem ungeheuren Takt, den die Stadt vorgibt, ein wenig entfliehen kann, um die Gedanken bei einem Buch und Sonnenstrahlen schweifen zu lassen.
Praktischerweise flankiert die 5th Avenue die gesamte Ostseite des Parks, so dass der Ausgang bei mir durchaus nicht selten eines der angrenzenden Museen ist. So gehe ich sehr gern am Sonntag in den Nachmittagsstunden ins Metropolitain Museum, um Teile der unglaublichen Sammlung auf mich wirken zu lassen. Zweifelsfrei werde ich diesem Museum demnächst einen eigenen Artikel widmen. Meine Heimat-Subway verkehrt auf den Linien 1, 2 und 3, so dass ich nach dem Museum immer den Park durchqueren muss, was ich gern über Umwege in Kauf nehme. Es mag an meinem nicht übermäßig stark ausgeprägten Orientierungssinn liegen, doch trägt sicher auch die schiere Größe der “grünen Lunge” des Big Apples dazu bei, dass ich jedes Mal andere Sehenswürdigkeiten passiere, wenn ich diesen Spaziergang antrete. Mir soll es recht sein, schließlich lasse ich mich gern von dem Gefühl tragen, das mich umgibt, wenn ich das Geschehen beobachte.
Das schließt so manches Softball-, Baseball- oder Lacrosse Match ein. Es soll jedoch nicht der Eindruck entstehen, ich würde mich zu genau damit auskennen. Einige Spielzüge haben sich mir dafür inzwischen erschlossen und so macht es mittlerweile Spaß, die unterschiedlichen gegeneinander antretenden Teams zu beobachten, die meiner Meinung nach auf gar keinem so amateurhaften Niveau spielen. Die meisten Mannschaften haben professionelle Trikots, entsprechende Ausrüstung und sogar schon eine eigene Fangemeinde, die einen guten Schlag entsprechend honorieren. Ich denke an amerikanische Hollywood-Filme. Auch macht es Spaß, die vielen Familien zu beobachten, die das Wochenende nutzen, um sich auf die Wiese zu legen oder Boot zu fahren. Nicht selten sieht man Väter, die ihren kleinen Söhnen beibringen, wie man einen Baseballschläger professionell zu schwingen hat. Ich denke wieder an amerikanische Hollywood-Filme. Unnötig zu erwähnen, woran ich denke, wenn ich die ausgezehrten Jogger sehe, die mit ihren iPods und Innenohrkopfhörern ausgestattet ihre Runden drehen oder ein paar Meter weiter die Generation “Super Size Me”, die Rast am Hotdog-Stand eingelegt hat.
Ist der Central Park also typisch amerikanisch? Zumindest gelingt es ihm, alle New Yorker zu vereinen. Vom Bettler bis zum Businessman, von schwarz bis weiß, von Vitaminpräparat bis Big Mac. Vielleicht erklärt das auch die vielen Liebeserklärungen seiner Besucher oder die dutzenden liebkosenden New York Times Artikel oder die liebevoll-akribischen Grünanlagenpfleger.
Ich kann mich dem Eindruck nicht entziehen, es läge ein schützender Glasdeckel auf dem grünen Schmelztiegel.


