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Amtrak ist nicht etwa ein schamanischer Begriff, (jedenfalls nicht im engeren Sinne) sondern bezeichnet den Firmennamen der amerikanischen National Railroad Passenger Corporation; sozusagen die AB BAHN. Wer mal das Vergnügen und die Gelegenheit hat, wird sehr schnell Unterschiede zur DB BAHN feststellen.
Es fängt bei den Tickets an. Wer der Meinung ist, er könne zuzüglich eines kleinen Aufschlags, den man mit Worten wie “ooh, ich musste mich so sehr beeilen und habe es nicht mehr rechtzeitig zum Automaten geschafft” sogar noch abstreifen kann, seine Fahrkarte im Zug erwerben, der wird, noch ehe er den Zug überhaupt sieht, eines besseren belehrt. Wer Verbindungen über Washington D.C, New York und Boston nicht wenigstens eine Woche im Voraus bucht, wird eher als verrückt gehandelt.
Ohne es zu wissen, habe ich gottseidank rechtzeitig gebucht. Ein Ticket habe ich trotzdem nicht in den Händen gehalten. Dieses gilt es an so genannten Quik-Traks abzuholen. Ist doch ganz einfach. Nach der erfolgreichen Buchung, druckt man sich eine Bestätigung mit Bar-Code aus, die man am Tag der Reise zum Quik-Trak bringt, um den Bar-Code gegen Tickets einzutauschen. Diese Geräte verfügen, sofern sie keinen Randalen zum Opfer gefallen sind (New York ist ja für seine Friedlichkeit bekannt), über einen Scanner. Et voilà: nachdem man 10 Minuten damit verbracht hat, zu bemerken, dass ausgerechnet zwei der avisierten Quik-Traks kaputt sind (man erkennt diese an Leuten, die mit argwöhnischem Blick drumherumstehen oder durch mechanische Eingriffe Funktionalitäten herauszukitzeln suchen), hält man freudestrahlend seinen Schein in die Glückseligkeit in den Händen.
Nun heißt es warten. Wer sich damit nicht abfinden möchte, wird Bekanntschaft mit einer recht unverständnisvollen, übergewichtigen schwarzen Dame in dunkelblauem Kleid (Designer: Amtrak) machen, die darauf hinweist, dass man auf die Ansage hören solle. Und tatsächlich, in fließendem Nuschel-Amerikanisch, das bei der äußerst geringen Anzahl an Menschen in der New Yorker Penn Station selbstverständlich einwandfrei vernommen werden kann, wird zum Boarding aufgerufen. Ist Amtrak nicht vielleicht doch eine Fluglinie? Innerhalb dieses kurzen Überlegens wird sich ein chaotisches Gemenge zu einer exakten Linie formieren. Ich muss unweigerlich erneut ans Fliegen denken. Wer schonmal mit easyjet geflogen ist, weiß, was passiert, wenn das zuständige Bodenpersonal ansatzweise den Verdacht erweckt, zum Boarding bereit zu sein. Nun gilt es dem Bahnhofspersonal das gültige Ticket zu zeigen. Die Dame im dunkelblauen Kleid wirkt hektisch. Ich habe versehentlich mein Rückfahrtsticket in den Händen und bin gezwungen, meine Tasche abzustellen, um das richtige herauszuholen. Die Menge hinter mir staut sich. Für niemand anderen geht es auch nur einen Zentimeter weiter. Ich werde aufgefordert an die Seite zu treten, was ich nicht gehört habe. Wütend lässt man mich mit dem korrekten Ticket passieren. Ich nehme gelassen meinen Weg durch den Tunnel. Unnütz zu erwähnen, dass man dies auch auf dem Weg zum Flugzeug machen würde.
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Meine Zweifel werden beim Blick auf einen silber-blauen metallischen Hochgeschwindigkeitszug ausgelöscht. Freie Platzwahl. Koffer und Taschen gilt es in so genannten Overhead Compartments zu verstauen. (Zug! Zug! Zug!) Darauf wird einen spätestens die Stewarde … ääh Zugbegleiterin - so heißen die ja neuerdings - aufmerksam machen. Schließlich sind die Züge meist hoffnungslos ausgebucht. Eine praktische Angelegenheit, denn so lässt sich rechtfertigen, dass der Preis eines Tickets von der Auslastung abhängt. Wer am Tag der Abreise seinen Zug verpasst oder aus anderen Gründen umbuchen muss, kann das gerne machen, sollte seinem Portmonee dann jedoch auch die Lüftung gewähren. Ist das nicht beim Fliegen ähnlich? Endlich alles verstaut und niedergelassen ist der Laptop schon aufgeklappt und an die Stromversorgung angeschlossen. “Stromversorgung” ist in diesem Fall ein Euphemismus. Wer seinen Akku-Sparmodus im Falle fehlender Stromversorung aktiviert hat, läuft Gefahr, aufgrund der dauernden Helligkeitsschwankungen epileptischen Anfällen zu erliegen. Vielleicht hatte ich aber auch nur Pech bei dieser Fahrt.
Das Wetter war jedenfals bombastisch; nicht eine einzige Wolke am Himmel. Dennoch wollte ich den Ansagen von umgerechnet 30°C nicht glauben, da ich gerade aufgestanden war, um meinen Pullover aus dem Koffer zu holen, da ich blaue Fingernägel bekam. Die Fahrt macht Spaß, vorbei an wunderschönen Landschaften, ansehnlichen Städten, dichten Wäldern, einer malerischen Küste und gigantischen Kraftwerken. Man lernt, Amtrak zu lieben.
Wer jedoch - wie in so manchem ICE - darauf hofft, dass ein Zugbegleiter es nicht rechtzeitig schafft zur Fahrkartenkontrolle, erliegt einem Irrtum, mal ganz davon abgesehen, dass es faktisch keine Chance gibt, den Zug überhaupt nur aus der Entfernung zu sehen, ohne sich im Besitz einer gültigen Karte zu befinden. Es mag daran liegen, dass amerikanisches Zugpersonal keine modernen Geräte mit sich herumträgt, die einen Ticketausdruck mit Kreditkarte und Bonuspunktsammelaktion innerhalb einer Viertelstunde gewährleisten, sondern dass sie einzig unterschiedlich farbige Streifen und einen Locher mit sich tragen. Die Streifen werden an die Overhead Compartments geheftet und signalisieren, wie viele Personen wo ein- und aussteigen. Da können sich die “Ist-noch-jemand-dazugestiegen”-Propagandisten eine Streifen von abschneiden.
Und wenn schließlich in gestochenem Englisch sinngemäß “Thank you for travelling with Amtrak” ertönt, dann war es insgesamt doch eine gute Fahrt!
