Blog, Leitartikel, LiteraturDie Hauptmannstochter

Was wäre das Werk Thomas Manns ohne die - mal mehr, mal weniger - filigranen Anspielungen auf die eigene Biografie? Wäre es ihm überhaupt möglich gewesen, im “Tod in Venedig” einen geifernden Gustav von Aschenbach zu stilisieren, ohne an Paul Ehrenberg, seine “zentrale Herzenserfahrung” zu denken? Hätte uns Hermann Hesse die Eigenauseinandersetzung Peter Camenzinds glaubhaft näherbringen können, wäre die Titelfigur nicht das Sprachrohr des Autors? Ist die eigene Entwicklung nicht notwendigerweise der Impuls zu künstlerischer Ausdrucksfindung? Lässt sich überhaupt sinnvoll bestimmen, ob und inwieweit Autobiografisches einem Werk innewohnt? Wo Gefühle beschrieben werden, bedarf es der Logik weniger. Im Ergebnis stehen zumeist bewegende Zeugnisse einer Auseinandersetzung mit sich selbst.

Alexander Sergejewitsch Puschkin führt uns selbiges mit seinem letzten großen Roman “Die Hauptmannstochter”, der 1836 erschien, eindrucksvoll vor Augen. Vor dem Hintergrund der russischen Bauernaufstände in den Jahren 1773-1775, angeführt vom gefürchteten Jemeljan Pugatschow, beschreibt der fiktive Herausgeber die persönliche Geschichte des jungen Adligen Pjotr Andrejewitsch Grinew. Dieser ist es, der den Autor fasziniert und widerzuspiegeln vermag. So erscheint es wenig zufällig, dass Grinew auf einem Landgut aufwächst, es als Soldat nicht sonderlich zu Ehren bringt und eher durch politisches Engagement auffällt, was das Verhältnis zum Vater zerrüttet. Puschkin selbst war es, der, ob Bildung und adliger Herkunft, Sympathien mit den antizaristisch eingestellten Dekabristen bekundete, wenngleich er ihnen nicht angehörte. Seine Verbannung nach Sibirien wurde dennoch nur durch einflussreiche Freunde verhindert; ein weiteres Element, dem wir im Roman wiederbegegnen sollen. In dieser Zeit lernt der junge Schriftsteller, dessen Erstlingswerke von der Kritik nur verhalten aufgenommen werden, die Dekabristin Marija N. Wolkonskaja kennen; eine Begegnung, die sich wohl im Namen der Hauptmannstochter ebenfalls niedergeschlagen haben dürfte.

In heftigem Schneetreiben gestrandet, auf dem Weg zum ersten - durch den Vater vermittelten - Militärdienst trifft Grinew erstmals (unwissentlich) auf Pugatschow, der ihnen sicheres Geleit in ein nahegelegenes Wirtshaus ermöglicht. Zum Dank erhält dieser seinen Hasenpelz. Ähnlich wie in Kleists “Käthchen von Heilbronn”, schlägt nun ein Traum die Brücke zur weiteren Handlung. Damit verschreibt sich der Autor zwar der romantischen Erzähltradition, bricht sie jedoch durch eine betont nüchterne Sprache und psychologischen Feinsinn gleichzeitig wieder auf. In den folgenden Kapiteln, größtenteils in der Festung Belogorsk, wo Grinew stationiert ist, angesiedelt, entfaltet sich gleichsam der Antagonismus zur Figur Schwabrins und die Zuneigung zu Mascha, der Tochter des dortigen Kommandanten. Es kommt zum Duell mit Schwabrin, der ebenfalls ein Auge auf die schöne Dame geworfen hat, in dem Grinew durch einen Hinterhalt seines Gegners nur knapp mit dem Leben davonkommt. Die Nachricht zieht geschwind ihre Kreise und veranlasst seinen Vater zur Absage einer Beziehung mit Mascha. Desillusioniert aufgrund der Unmöglichkeit einer Verbindung schreibt er die folgenden Verse:

Zu verbannen Liebeswehe,
Bin ich oftmals jetzt allein,
Denn ich meide Maschas Nähe,
Um aufs neue frei zu sein!

Doch die Augen, die mich banden,
Gehen nicht aus meinem Sinn;
Mein Verstand kam mir abhanden,
Ach, und meine Ruh ist hin.

So erkenn denn meine Schmerzen,
Mascha, und erbarm dich mein;
Sieh die Pein in meinem Herzen,
Rette den Gefangnen dein.

Erneut Handlung vorwegnehmend, sind es diese Verse, die er Schwabrin vorträgt, die zum Duell führen, die die “Schmerzen” überhaupt erst begründen. Dabei stellt sich die Frage, ob durch Verbannung von Gefühlen überhaupt Freiheit erlangt werden kann; ein Begriff, den Grinew kurz zuvor mit “jemanden in Stachelhandschuhen halten” paraphrasiert hat.

Der Stillstand, in den Grinew zunehmend verfällt, wird mit dem Einbruch der historischen Ereignisse aufgelöst. Pugatschow ist inzwischen mächtig geworden und erobert mit seinem Heer Festung um Festung, bald auch Belogorsk, wobei der Kommandant und seine Frau hingerichtet werden. Auch Grinew hängt am Galgen, wird jedoch von Pugatschow erkannt und freigelassen und kann sich ins nahegelegene Orenburg absetzen. Währenddessen übernimmt Schwabrin die Verwaltung der Festung, worunter auch Mascha fällt, die Unterschlupf im Hause des örtlichen Priesters gefunden hat. Ihr gelingt es später in Verzweiflung über ihre Lage, einen Brief an Grinew zu schreiben, der daraufhin den Weg zurück zur Festung bestreitet, um sie zu retten. Dabei gerät er ein weiteres Mal in die Fänge Pugatschows, der ihm jedoch hilft. Grinew und Mascha sind wieder vereint, doch erneut verhindern äußere Einflüsse ihr Zusammensein. Nach der Niederschlagung des Bauernaufstands wird Grinew bezichtigt, mit Pugatschow kollaboriert zu haben, was seine unmittelbare Verhaftung zur Folge hat. Einer Verbannung nach Sibirien entgeht er nur, da sich Mascha an den russischen Zarenhof wagt und bei Katharina II. um Gnade bittet.

An dieser Stelle endet der verhältnismäßig kurze Roman, in dessen Zentrum das widersprüchliche Verhältnis zwischen Pugatschow und Grinew steht. Und dennoch lautet der Titel dieser an Spannung nicht armen Geschichte nicht etwa “Der Usurpator” oder “Der adlige Sergeant”, sondern “Die Hauptmannstochter”. Ist es doch eigentlich Mascha, die Stillstand verursacht, die in ihrer Rolle vollkommen vom Willen Schwabrins, Grinews und Pugatschows abhängig ist, um schließlich doch diejenige zu sein, die uns die schier unmögliche Katharsis herbeiführt; ein Ende, das schon fast surreal erscheint, ähnlich dem der Dreigroschenoper, in welchem der Schwerverbrecher Mackie Messer nicht nur begnadigt, sondern von der Königin höchstselbst zusätzlich in den Adelsstand erhoben und mit einer üppigen Rente ausgestattet wird. Dass Puschkin die Zarin, die größte Widersacherin Pugatschows, eine Rolle spielen lässt, erscheint daher mehr als Verweis auf die historische Grundlage, mit welcher er sich zu jener Zeit umfassend beschäftigte. Betrachtet man hingegen den Ausgang der Geschichte als “besonders herausragende Leistung”, rechtfertigt sich die Bezeichnung “Heldin” und damit der Romantitel.

Grinew handelt an keiner Stelle außergewöhnlich. Er bahnt sich seinen Weg durch die Erzählung zwar mit Heldenmut, doch ist auch sein Erfolg immer von externen Einflüssen abhängig; sei es von der Zustimmung seiner Eltern, dem Degen Schwabrins, der Gnade Pugatschows oder eben auch der Liebe Maschas. In diesem Rahmen handelt er tugendhaft, hält selbst in der ausweglosesten Situation an seinen Prinzipien fest. Besonders seine Neigung zur Wahrheit darf ihm dabei als Verdienst angerechnet werden, ist er sogar vor Gericht gewillt “nur die lauteste Wahrheit zu auszusagen”, da er diese Methode nicht nur für “die einfachste,  sondern auch für die allerbeste” hält. Seine Begnadigung erscheint insofern gerecht. An anderer Stelle verwundert seine Prinzipientreue, dann nämlich, als er die Möglichkeit hat, sich mit Mascha auf das Gut seiner Eltern zurückzuziehen. Doch unterwirft er sich ausgerechnet in dieser Situation erneut dem Militärdienst, dem er mit so viel Abneigung gegenübersteht, was Puschkin den fiktionalen Herausgeber mahnen lässt:

“Jüngling, dem diese Aufzeichnungen in die Hände fallen sollten, denke immer daran, dass die besten und dauerhaftesten Veränderungen nur die sind, die ohne gewaltsame Erschütterungen einzig der Verbesserung der Sitten entspringen.”

Puschkin bringt uns damit auch eine russische Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts näher, in denen die Bedeutung militärischer Würden gänzlich ohne Konkurrenz gipfelt, was Anton Tschechov später in seiner Erzählung “Der Orden” humoristisch aufgreifen soll. Diese Tendenz, die sich auch im übrigen Europa, besonders im Deutschen Kaiserreich fortsetzte, begünstigt jene patriarchalische Strukturen, die Mascha zum Opfer und Grinew zum Soldat machen müssen. Im Gegensatz dazu wendet sich der Autor an die junge Generation, wenngleich nur dem männlichen Teil derselben, und appeliert an Fortschritt durch Gewaltlosigkeit.

Pugatschow sucht den Fortschritt in der erbarmungslosen Gewalt, mordet, unterwirft und brandschatzt. Sein Wesen wird von Puschkin zumeist märchen- oder volksliedhaft untermalt. Pugatschow als Sohn des Volkes, seiner Zeit? Fest steht, dass zu Zeiten, als Puschkin die Schauplätze der historischen Handlung besuchte, mehr als 60 Jahre nach der Niederschlagung der Aufstände, jener Pugatschow noch immer in den Köpfen der Menschen verankert war, gar ehrfürchtig verehrt wurde, als der “wahre Große Fürst von Moskau”. Sympathie mit einem Usurpator? Dieser Widerspruch ist es, der dem Roman seine besondere Relevanz einräumt. Parallelen zur Wirkung von Oliver Hirschbiegels Film “Der Untergang” tun sich auf, der es vermag, Hitler als einen Menschen darzustellen, der durchaus zu menschlichen Gefühlen fähig war und dem Zuschauer trotz seiner unbestrittenen Grausamkeit einen Hauch von Sympathie einflößt. Nicht zuletzt wissen wir, wie sehr er der “Führer” eines ganzes Volkes war, ein gewaltbereiter Demagoge, ein brutaler Massenmörder. Hirschbiegel also ein zeitgenössischer Puschkin? Mit dem heutigen Tag sind WIR mehr als 60 Jahre von einer Schreckensherrschaft entfernt und sehnen uns in Zeiten gesellschaftlichen Abschwungs erneut  eine Leitfigur herbei, rühmen die charismatischen Köpfe der Vergangenheit, apotheotisieren einen Helmut Schmidt oder, je nach politischer Überzeugung, einen Franz Josef Strauß, sehen radikalere Denkrichtungen erstarken.

Pugatschows Allgegenwart endet nicht mit seinem Tod. Vielleicht ist das der Grund, warum er Grinew zunickt, ehe sein Haupt fallen wird.

Der Vollständigkeit halber und wegen des einleitenden Verweises auf die biografischen Parallelen, sei gesagt, dass Alexander Sergejewtisch Puschkin durch eine Intrige in ein Duell mit einem französischen Gardeoffizier mit weniger glücklichem Ausgang verwickelt wurde. Er erlag zwei Tage später seinen Verletzungen, am 29. Januar 1837. “Die Hauptmannstochter” blieb sein letztes vollendetes Werk und sollte den Aufbruch in eine neue Zeit markieren; weg von den Traditionen, hin zu einer modernen russischen Literatur.

4 Reaktionen zu „Die Hauptmannstochter“

  1. Ewu

    Hi,

    habe hier durch Zufall deinen interessanten Aufsatz über Puschkin gefunden, in dem zum Teil ganz hübsche, Beziehungen aufgemacht werden. Über manch kantige ließe sich auch lange debattieren.

    Über den Vergleich von Pugatschow und Hitler könnte man sich lange streiten, aber trotzdem sollte man einen unterschied zwischen den charismatischen Politikern einer Demokratie und Diktatoren machen.
    Es ist egal, ob es sich um Stresemann oder Strauß handelt. Wer in einer demokratischen Gesellschaft tätig ist und einen festen Standpunkt vertritt muss sich einerseits auch Anfeindungen aussetzten, andererseits gibt es auch immer Anhänger. Solch kontroverse Menschen bleiben einfach länger im allgemienen gesellschaftlichen Gedächtnis, es sagt aber nicht zu viel über ihre Leistungen aus.

    Ich muss aber wieder gänzlich zustimmen, daß mit einem wirtschaftlichen Abschwung meist die radikalen Gruppen wachsen und die Freiheit des Einzelnen beschnitten wird.

    Ich wollte hier nicht rumkritisieren, sondern positiv ergänzen und hoffe, daß das auch so verstanden wird.

    Grüße

  2. admin

    Grüß dich,

    danke für deinen Kommentar, den ich tatsächlich nicht als “Rumkritisieren” auffasse. Im Gegenteil, ich freue ich mich darüber.

    Ob und inwieweit sich ein Vergleich von Pugatschow und Hitler anbietet, kann sicherlich nicht innerhalb eines kleinen Aufsatzes beantwortet werden: darum ging es mir auch weniger. Vielmehr möchte ich auf gemeinsame Merkmale, allgemein begünstigende Entwicklungen aufmerksam machen, von denen ich einige auch im Text erwähnt habe. Wenn man die Geschichte als eine Abfolge der immer wieder gleichen Entwicklungen, nur in anderen Gewändern, sieht, dann ergibt sich daraus meiner Meinung nach die Notwendigkeit solcher Betrachtungen.

    Charisma ist in jedem Fall eine interessante Komponente, wobei mir sicher nicht daran gelegen ist, dahingehend Strauß mit Hitler auf eine Stufe zu stellen.

    Studien von J.A. Conger & R.N. Kanungo sowie House haben versucht, den charismatischen Führungsstil zu untersuchen, wobei sich die Ergebnisse an Unternehmensberatungen wenden. Demnach gibt es vier Grundcharakteristika für Charisma (und damit verbunden, der Grund, warum Personen im gesellschaftlichen Gedächtnis bleiben, wie du es nanntest):

    1) Vision und Artikulation
    2) Persönliches Risiko
    3) Gespür für die Bedürfnisse der Anhänger
    4) Unkonventionelles Verhalten

    Geht man diese vier Säulen entlang, versteht man, warum ein Martin Luther King, ein Barack Obama, ein Gandhi, aber eben auch ein Hitler, in unserer kollektiven Wahrnehmung da sind, wo sie sind.

    Daraus ergäbe sich auch eine weitere mögliche Folgerung, nämlich der, dass der Bedarf an einen charismatischen “Führer” wächst, wenn sich die Begleitumstände verschlechtern, oder wenigstens, wenn es so scheint, dass sie sich verschlechtern, denn es genügt auch, dass sich das kollektiv-subjektive Unsicherheitsgefühl steigert, ohne notwendigerweise schlechter gestellt zu sein. Der Schlüssel für eine Führungsperson liegt jedem Fall darin, diese Bedürfnisse zu erkennen und anzusprechen.

    Liebe Grüße zurück,
    Alexander

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