America XXL
27. August 2009“New York, das ist nicht Amerika!” Was anfangs wie eine nicht wirklich ernst gemeinte Behauptung klingt, erfährt seine traurige Rechtfertigung beim Blick durch die Städte und Gemeinden außerhalb der Metropole.
Ich befinde mich im grünen Naturparadies Pennsylvania, nahe des Susquehanna Rivers, der sich malerisch in der Abendsonne wiegt. Ich freue mich auf eine Mahlzeit, da mir die vielen typischen amerikanischen Bauernhöfe mit ihren Ford Trackern, Zylindersilos mit Halbkugelkappe und hölzernen Getreidespeichern Appetit gemacht haben. Ein gutes Stück Steak wäre jetzt genau das Richtige. Schon ist die Ausfahrt in eine angrenzende Kleinstadt genommen.
Und tatächlich fast wie auf Abruf gewinnt ein überdimensionales Plakat, das viele weitere überragt, meine ungeteilte Aufmerksamkeit; darauf ein saftiges, durchgebratenes Stück Fleisch in voller Schönheit. Das ist Friendly, wie der große rote Schriftzug verrät, dem ich absolut zustimme. Somit fällt meine Wahl natürlich auf dieses Restaurant und nicht auf McDonalds, das sich gegenüber befindet. Eine Straße weiter lädt Burger King zum Abendessen, in direkter Nachbarschaft zur mexikanischen Küche von Taco Bell. Auch Wendy’s lockt auf einer nahegelegenen Anhöhe mit seinen Köstlichkeiten. Arby’s rundet schließlich die kulinarische Vielfalt ab.
Indes begrüßt mich - ganz außer Atem - die kugelige, sympathische Wirtin des Hauses und weist mir einen lauschigen Platz am Fenster zu. Von dort verschnaufe auch ich und sehe dabei der Familie am Nachbartisch bei der Mast zu. Die in Relation zur Körpermasse klein wirkenden Köpfe der Jüngsten kann ich hinter den Cola-Eimern nicht erkennen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich diese aus Gründen der Schwerkraft bei der Nahrungsaufnahme nur knapp über den Tellern befinden. Ihre Wahl ist offensichtlich auf ein umfangreiches Burger-Menü gefallem, zu welchem traditionell ein Trog mit frittierten Kartoffelscheiben gereicht wird. Die Mutter der beiden, die weiteren Nachwuchs in Brüsten, Beinen und Bauch zu tragen scheint, ertränkt die Beilage derweil liebevoll in Ketchup aus dem Hause Heinz.
Inzwischen halte ich die Speisekarte in den Händen. Man könnte annehmen, dass diese tatsächlich zum Speisen genutzt wird. Fettig sind aber auch die zur Auswahl stehenden Gerichte. Preisleistungssieger sind Menüs. $10 für eine festgelegte Mahlzeit mit Getränk und Dessert. Die illustre Runde zu meiner rechten kombiniert daraus fleißig, freudig und vor allem günstig. Denn sie wissen: kleine Einheiten sind teuer, aber große Einheiten sich nicht viel teurer, was dazu verleitet, riesige Portionen zu bestellen. Mit anderen Worten: die Zunahme des Preises bei steigenden Volumina ist marginal. Würde man dieser Disproportion folgen, wäre es rentabel, einen Swimming-Pool gefüllt mit Starbucks-Kaffee aufzukaufen und anschließend daraus Tassen abzufüllen, die man für einen Handkuss verkauft. Der typische Kaffeekonsument mang nun weniger an profitablem Weiterverkauf interessiert sein. Doch wo nur eine Münze zwischen Schale und Schüssel liegt, wird zumindest sein Hang zum Überkonsum angereizt.
Das Ergebnis lässt sich eindrucksvoll am besagten Nachbartisch bewundern. Fast Food drückt dort offenbar nicht die Dauer der Zubereitung , sondern eindeutig die Verzehrgeschwindigkeit aus. Währenddessen wird damit geworben, dass ein einziger Shake acht Kugeln Eis enthalte und brüstet sich mit immer kalorienreicheren Fleischbergen, als herrsche historische Nahrungsmittelknappheit, der es opportunistisch entgegenzutreten gilt. Ehrfurchtsvoll werden menschliche Maschinen gepriesen, denen es gelingt, die meisten Pizzen innerhalb einer vorgegeben Zeit zu verschlingen. Nur schnell muss es gehen, das ist der Gedanke sowohl bei Konsument, als auch bei Produzent.
Während ich auf meinen Gartensalat warte - der Bratfettgeruch hat mir den Appetit ein wenig reduziert - denke ich an zukunftsträchtige Supermärkte, in die man mit dem Auto fahren kann und Lebensmittelvorräte via Knopfdruck automatisch in den Kofferraum befördert bekommt. Das würde das lästige Herumtragen und -schieben von Einkäufen enorm erleichtern. Oder aber ein neuartiger Hackwürfel, der alle Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate im Überfluss enthält, sofort sättigt und der ganz nach Belieben in der Mikrowelle aufgewärmt werden kann. Außerdem enthielte er eine Vielfalt an Präparaten, die den Cholesterin-Haushalt nicht aus dem Ruder laufen lassen, die Folgen von Diabetis im Rahmen halten und Übergewicht bekämpfen.
Die Gespräche, die ich einfangen kann - bei vollem Mund spricht es sich bekanntlich schlecht - drehen sich größtenteils ums Essen, natürlich nicht um die Folgen desselben und schon gar nicht um die Ursachen. Diesen geht Elizabeth Kolbert in einem im Juli 2009 erschienenen Artikel im New Yorker nach und stellt provokant die Frage “Why are we so fat?” Unter Berufung auf die National Health Studies skizziert sie die drastischen Ausmaße der amerikanischen Fettleibigkeit. Dabei macht sie deutlich, dass die menschliche Evolution zweifelsfrei Auswirkungen auf unser Essverhalten hat, doch genügen diese Ansätze bei weitem nicht, um zu erklären, dass allein in den zurückliegenden zehn Jahren kollektiv mehr als eine Milliarde Pfund an Gewicht zugelegt wurde. Vielmehr geht Kolbert auf die Strategien der Konzerne ein, die festgestellt haben, dass größere Einheiten den Umsatz ankurbeln. Somit kommt auch sie zum Schlussurteil: “Human appetite is elastic: give us more and we’ll eat more”.
Inzwischen bin ich wieder zurück in New York. Auch hier ist Übergewicht ein heikles Thema, doch verglichen mit pennsylvanianischen Autobahnrastplätzen (Gibt es eigentlich eine Korrelation zwischen Bildungsgrad und Ernährungsbewusstsein?) habe ich ein insgesamt schlankeres Bild. Hier sind viele Menschen unglaublich engagiert, etwas für ihre Gesundheit zu tun: Fitnessstudios sind bis aufs letzte Laufrad besetzt, der Central Park ist am Wochenende fest in der Hand von Sportbegeisterten, Vitamin- und Bioläden schießen wie Pilze aus dem Boden. Ist das die radikale Reaktion auf die Ergebnisse der zuvor erwähnten Studien? Oder vielleicht nur ein temporärer Boom? Ich persönlich kann besser damit leben, wenn sich das Bewusstsein und damit die Umsatzverteilung eher zugunsten von gesunden Supermarkt- als Junkfoodketten auswirkt. In New York denke ich dabei vor allem an Wholefoods, Zabar’s, Westside Market oder Fairway, die mit einer immensen Auswahl an wahren Köstlichkeiten (d.h. weniger auf einer perfekt vermarkteten Kombination aus Salz, Fett und Zucker beruhend) den Gaumen verwöhnen; wissend, dass Sattwerden womöglich dort teurer ist als bei McDonald’s. Auf lange Sicht hingegen - allein unter Berücksichtigung der Belastungen von Krankenkassen für die Behandlung von Diabetes - mag die Rechnung nun jedoch wieder die Obsttheke bevorzugen.
Abschließend bleibt zu hoffen, dass das Modell einer Krankenversicherung für alle, das Barack Obama derzeit vorantreibt, auch das Bewusstsein fördert, dass nichts wichtiger ist als die eigene Gesundheit. Nun hat nicht jeder Amerikaner solch einen Appetit auf Burger wie Morgan Spurlock in seinem 2004 erschienenen Dokumentarfilm “Super Size Me”, doch alarmierend sollte sein Beispiel dennoch sein, da es zeigt, was man sich mit dem scheinbaren und schnellen Genuss eigentlich antut - wie so oft im Leben.

