Archiv der Rubrik „Genießer“
Natural Pollock
25. March 2010
Was aussieht wie ein Stück Mondoberfläche, ist auch in Wirklichkeit keine Skulptur von Jackson Pollock. Der Herausgeber hat sich schamlos bei Marcel Breuer bedient. Dessen Pyramide, das Whitney Mausoleum, beherbergt bedeutende Opfergaben amerikanischer Sammler.
Washington
24. March 2010Die Hauptmannstochter
20. March 2010Was wäre das Werk Thomas Manns ohne die - mal mehr, mal weniger - filigranen Anspielungen auf die eigene Biografie? Wäre es ihm überhaupt möglich gewesen, im “Tod in Venedig” einen geifernden Gustav von Aschenbach zu stilisieren, ohne an Paul Ehrenberg, seine “zentrale Herzenserfahrung” zu denken? Hätte uns Hermann Hesse die Eigenauseinandersetzung Peter Camenzinds glaubhaft näherbringen können, wäre die Titelfigur nicht das Sprachrohr des Autors? Ist die eigene Entwicklung nicht notwendigerweise der Impuls zu künstlerischer Ausdrucksfindung? Lässt sich überhaupt sinnvoll bestimmen, ob und inwieweit Autobiografisches einem Werk innewohnt? Wo Gefühle beschrieben werden, bedarf es der Logik weniger. Im Ergebnis stehen zumeist bewegende Zeugnisse einer Auseinandersetzung mit sich selbst.
Alexander Sergejewitsch Puschkin führt uns selbiges mit seinem letzten großen Roman “Die Hauptmannstochter”, der 1836 erschien, eindrucksvoll vor Augen. Vor dem Hintergrund der russischen Bauernaufstände in den Jahren 1773-1775, angeführt vom gefürchteten Jemeljan Pugatschow, beschreibt der fiktive Herausgeber die persönliche Geschichte des jungen Adligen Pjotr Andrejewitsch Grinew. Dieser ist es, der den Autor fasziniert und widerzuspiegeln vermag. So erscheint es wenig zufällig, dass Grinew auf einem Landgut aufwächst, es als Soldat nicht sonderlich zu Ehren bringt und eher durch politisches Engagement auffällt, was das Verhältnis zum Vater zerrüttet. Puschkin selbst war es, der, ob Bildung und adliger Herkunft, Sympathien mit den antizaristisch eingestellten Dekabristen bekundete, wenngleich er ihnen nicht angehörte. Seine Verbannung nach Sibirien wurde dennoch nur durch einflussreiche Freunde verhindert; ein weiteres Element, dem wir im Roman wiederbegegnen sollen. In dieser Zeit lernt der junge Schriftsteller, dessen Erstlingswerke von der Kritik nur verhalten aufgenommen werden, die Dekabristin Marija N. Wolkonskaja kennen; eine Begegnung, die sich wohl im Namen der Hauptmannstochter ebenfalls niedergeschlagen haben dürfte.
In heftigem Schneetreiben gestrandet, auf dem Weg zum ersten - durch den Vater vermittelten - Militärdienst trifft Grinew erstmals (unwissentlich) auf Pugatschow, der ihnen sicheres Geleit in ein nahegelegenes Wirtshaus ermöglicht. Zum Dank erhält dieser seinen Hasenpelz. Ähnlich wie in Kleists “Käthchen von Heilbronn”, schlägt nun ein Traum die Brücke zur weiteren Handlung. Damit verschreibt sich der Autor zwar der romantischen Erzähltradition, bricht sie jedoch durch eine betont nüchterne Sprache und psychologischen Feinsinn gleichzeitig wieder auf. In den folgenden Kapiteln, größtenteils in der Festung Belogorsk, wo Grinew stationiert ist, angesiedelt, entfaltet sich gleichsam der Antagonismus zur Figur Schwabrins und die Zuneigung zu Mascha, der Tochter des dortigen Kommandanten. Es kommt zum Duell mit Schwabrin, der ebenfalls ein Auge auf die schöne Dame geworfen hat, in dem Grinew durch einen Hinterhalt seines Gegners nur knapp mit dem Leben davonkommt. Die Nachricht zieht geschwind ihre Kreise und veranlasst seinen Vater zur Absage einer Beziehung mit Mascha. Desillusioniert aufgrund der Unmöglichkeit einer Verbindung schreibt er die folgenden Verse:
Zu verbannen Liebeswehe,
Bin ich oftmals jetzt allein,
Denn ich meide Maschas Nähe,
Um aufs neue frei zu sein!
Doch die Augen, die mich banden,
Gehen nicht aus meinem Sinn;
Mein Verstand kam mir abhanden,
Ach, und meine Ruh ist hin.
So erkenn denn meine Schmerzen,
Mascha, und erbarm dich mein;
Sieh die Pein in meinem Herzen,
Rette den Gefangnen dein.
Erneut Handlung vorwegnehmend, sind es diese Verse, die er Schwabrin vorträgt, die zum Duell führen, die die “Schmerzen” überhaupt erst begründen. Dabei stellt sich die Frage, ob durch Verbannung von Gefühlen überhaupt Freiheit erlangt werden kann; ein Begriff, den Grinew kurz zuvor mit “jemanden in Stachelhandschuhen halten” paraphrasiert hat.
Der Stillstand, in den Grinew zunehmend verfällt, wird mit dem Einbruch der historischen Ereignisse aufgelöst. Pugatschow ist inzwischen mächtig geworden und erobert mit seinem Heer Festung um Festung, bald auch Belogorsk, wobei der Kommandant und seine Frau hingerichtet werden. Auch Grinew hängt am Galgen, wird jedoch von Pugatschow erkannt und freigelassen und kann sich ins nahegelegene Orenburg absetzen. Währenddessen übernimmt Schwabrin die Verwaltung der Festung, worunter auch Mascha fällt, die Unterschlupf im Hause des örtlichen Priesters gefunden hat. Ihr gelingt es später in Verzweiflung über ihre Lage, einen Brief an Grinew zu schreiben, der daraufhin den Weg zurück zur Festung bestreitet, um sie zu retten. Dabei gerät er ein weiteres Mal in die Fänge Pugatschows, der ihm jedoch hilft. Grinew und Mascha sind wieder vereint, doch erneut verhindern äußere Einflüsse ihr Zusammensein. Nach der Niederschlagung des Bauernaufstands wird Grinew bezichtigt, mit Pugatschow kollaboriert zu haben, was seine unmittelbare Verhaftung zur Folge hat. Einer Verbannung nach Sibirien entgeht er nur, da sich Mascha an den russischen Zarenhof wagt und bei Katharina II. um Gnade bittet.
An dieser Stelle endet der verhältnismäßig kurze Roman, in dessen Zentrum das widersprüchliche Verhältnis zwischen Pugatschow und Grinew steht. Und dennoch lautet der Titel dieser an Spannung nicht armen Geschichte nicht etwa “Der Usurpator” oder “Der adlige Sergeant”, sondern “Die Hauptmannstochter”. Ist es doch eigentlich Mascha, die Stillstand verursacht, die in ihrer Rolle vollkommen vom Willen Schwabrins, Grinews und Pugatschows abhängig ist, um schließlich doch diejenige zu sein, die uns die schier unmögliche Katharsis herbeiführt; ein Ende, das schon fast surreal erscheint, ähnlich dem der Dreigroschenoper, in welchem der Schwerverbrecher Mackie Messer nicht nur begnadigt, sondern von der Königin höchstselbst zusätzlich in den Adelsstand erhoben und mit einer üppigen Rente ausgestattet wird. Dass Puschkin die Zarin, die größte Widersacherin Pugatschows, eine Rolle spielen lässt, erscheint daher mehr als Verweis auf die historische Grundlage, mit welcher er sich zu jener Zeit umfassend beschäftigte. Betrachtet man hingegen den Ausgang der Geschichte als “besonders herausragende Leistung”, rechtfertigt sich die Bezeichnung “Heldin” und damit der Romantitel.
Grinew handelt an keiner Stelle außergewöhnlich. Er bahnt sich seinen Weg durch die Erzählung zwar mit Heldenmut, doch ist auch sein Erfolg immer von externen Einflüssen abhängig; sei es von der Zustimmung seiner Eltern, dem Degen Schwabrins, der Gnade Pugatschows oder eben auch der Liebe Maschas. In diesem Rahmen handelt er tugendhaft, hält selbst in der ausweglosesten Situation an seinen Prinzipien fest. Besonders seine Neigung zur Wahrheit darf ihm dabei als Verdienst angerechnet werden, ist er sogar vor Gericht gewillt “nur die lauteste Wahrheit zu auszusagen”, da er diese Methode nicht nur für “die einfachste, sondern auch für die allerbeste” hält. Seine Begnadigung erscheint insofern gerecht. An anderer Stelle verwundert seine Prinzipientreue, dann nämlich, als er die Möglichkeit hat, sich mit Mascha auf das Gut seiner Eltern zurückzuziehen. Doch unterwirft er sich ausgerechnet in dieser Situation erneut dem Militärdienst, dem er mit so viel Abneigung gegenübersteht, was Puschkin den fiktionalen Herausgeber mahnen lässt:
“Jüngling, dem diese Aufzeichnungen in die Hände fallen sollten, denke immer daran, dass die besten und dauerhaftesten Veränderungen nur die sind, die ohne gewaltsame Erschütterungen einzig der Verbesserung der Sitten entspringen.”
Puschkin bringt uns damit auch eine russische Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts näher, in denen die Bedeutung militärischer Würden gänzlich ohne Konkurrenz gipfelt, was Anton Tschechov später in seiner Erzählung “Der Orden” humoristisch aufgreifen soll. Diese Tendenz, die sich auch im übrigen Europa, besonders im Deutschen Kaiserreich fortsetzte, begünstigt jene patriarchalische Strukturen, die Mascha zum Opfer und Grinew zum Soldat machen müssen. Im Gegensatz dazu wendet sich der Autor an die junge Generation, wenngleich nur dem männlichen Teil derselben, und appeliert an Fortschritt durch Gewaltlosigkeit.
Pugatschow sucht den Fortschritt in der erbarmungslosen Gewalt, mordet, unterwirft und brandschatzt. Sein Wesen wird von Puschkin zumeist märchen- oder volksliedhaft untermalt. Pugatschow als Sohn des Volkes, seiner Zeit? Fest steht, dass zu Zeiten, als Puschkin die Schauplätze der historischen Handlung besuchte, mehr als 60 Jahre nach der Niederschlagung der Aufstände, jener Pugatschow noch immer in den Köpfen der Menschen verankert war, gar ehrfürchtig verehrt wurde, als der “wahre Große Fürst von Moskau”. Sympathie mit einem Usurpator? Dieser Widerspruch ist es, der dem Roman seine besondere Relevanz einräumt. Parallelen zur Wirkung von Oliver Hirschbiegels Film “Der Untergang” tun sich auf, der es vermag, Hitler als einen Menschen darzustellen, der durchaus zu menschlichen Gefühlen fähig war und dem Zuschauer trotz seiner unbestrittenen Grausamkeit einen Hauch von Sympathie einflößt. Nicht zuletzt wissen wir, wie sehr er der “Führer” eines ganzes Volkes war, ein gewaltbereiter Demagoge, ein brutaler Massenmörder. Hirschbiegel also ein zeitgenössischer Puschkin? Mit dem heutigen Tag sind WIR mehr als 60 Jahre von einer Schreckensherrschaft entfernt und sehnen uns in Zeiten gesellschaftlichen Abschwungs erneut eine Leitfigur herbei, rühmen die charismatischen Köpfe der Vergangenheit, apotheotisieren einen Helmut Schmidt oder, je nach politischer Überzeugung, einen Franz Josef Strauß, sehen radikalere Denkrichtungen erstarken.
Pugatschows Allgegenwart endet nicht mit seinem Tod. Vielleicht ist das der Grund, warum er Grinew zunickt, ehe sein Haupt fallen wird.
Der Vollständigkeit halber und wegen des einleitenden Verweises auf die biografischen Parallelen, sei gesagt, dass Alexander Sergejewtisch Puschkin durch eine Intrige in ein Duell mit einem französischen Gardeoffizier mit weniger glücklichem Ausgang verwickelt wurde. Er erlag zwei Tage später seinen Verletzungen, am 29. Januar 1837. “Die Hauptmannstochter” blieb sein letztes vollendetes Werk und sollte den Aufbruch in eine neue Zeit markieren; weg von den Traditionen, hin zu einer modernen russischen Literatur.
Columbia University
31. July 2009Meine Zukunftsvorstellungen drehen sich momentan um eine Entscheidungsfrage: direktes Masterstudium oder weitere Praxiserfahrungen? Nun sitze bei sommerlich-schwülem New Yorker Klima auf den Treppen der Columbia University und sehe meine Entscheidung deutlich zugunsten einer der beiden Möglichkeiten beeinflusst. Es weckt Sehnsucht, wenn man sich in die Morningside Heights begibt und von jenem monumentalen klassizistischen Gebäudekomplex umgeben ist, der Pulitzer- und Nobelpreisträger in der Vergangenheit förmlich produziert hat. Mein Blick fällt auf die vielen Studenten, die sich in deren Fußstapfen begeben möchten und eilig zur Vorlesung rennen oder gerade ihr Mittagessen (d.h. Starbucks Iced Coffee und Bagel) verspeisen. Nicht zuletzt auch das entfacht Wunsch und Antrieb, selbst die Beine in die Hand zu nehmen, um dafür zu sorgen, hier auch einestages über den Campus zu wandern; dann jedoch nicht als Außenstehender, sondern als Student oder Alumnus.
Central Park
15. June 2009Er ist Gegenstand zahlreicher Legenden, Tatort zahlreicher Verbrechen und zugleich Zufluchtsort zahlreicher New Yorker: der Central Park, grüner Korridor im Herzen Manhattans. Er wurde vor 150 Jahren eröffnet, nachdem sich Frederick Law Olmsted und Calvert Vaux nicht wenig Gedanken gemacht haben, wie man das ehemalige Sumpfgebiet in ein Erholungsgebiet verwandeln könnte. Bei so vielen Fehlentscheidungen zur Bebauung der Stadtfläche, muss man die Entscheidung der New Yorker Bürger und Bürgermeister deutlich honorieren. Immerhin haben sie kostbare 5% ihres Platzes hergegeben, um von der 59th bis zur 110th ein 3,4 km² großes Areal zu gewährleisten. Nach Vorbild der europäischen Gartenarchitektur wurden über 500.000 Bäume und Sträucher gepflanzt; es entstanden künstliche Seen, Sport- und Spielplätze, Restaurants, Fußwege, Statuen und kleinere Monumente. Heutzutage ist das pittoreske Idyll nicht mehr wegzudenken, auch wenn - oder gerade weil - die umliegenden Gebäude immer höher hinauswachsen. Gerade im Sommer ist es sehr angenehm, wenn man dem aufgeheizten Beton und Stahl der Avenues, dem dauerhaften Verkehrslärm und dem ungeheuren Takt, den die Stadt vorgibt, ein wenig entfliehen kann, um die Gedanken bei einem Buch und Sonnenstrahlen schweifen zu lassen.
Praktischerweise flankiert die 5th Avenue die gesamte Ostseite des Parks, so dass der Ausgang bei mir durchaus nicht selten eines der angrenzenden Museen ist. So gehe ich sehr gern am Sonntag in den Nachmittagsstunden ins Metropolitain Museum, um Teile der unglaublichen Sammlung auf mich wirken zu lassen. Zweifelsfrei werde ich diesem Museum demnächst einen eigenen Artikel widmen. Meine Heimat-Subway verkehrt auf den Linien 1, 2 und 3, so dass ich nach dem Museum immer den Park durchqueren muss, was ich gern über Umwege in Kauf nehme. Es mag an meinem nicht übermäßig stark ausgeprägten Orientierungssinn liegen, doch trägt sicher auch die schiere Größe der “grünen Lunge” des Big Apples dazu bei, dass ich jedes Mal andere Sehenswürdigkeiten passiere, wenn ich diesen Spaziergang antrete. Mir soll es recht sein, schließlich lasse ich mich gern von dem Gefühl tragen, das mich umgibt, wenn ich das Geschehen beobachte.
Das schließt so manches Softball-, Baseball- oder Lacrosse Match ein. Es soll jedoch nicht der Eindruck entstehen, ich würde mich zu genau damit auskennen. Einige Spielzüge haben sich mir dafür inzwischen erschlossen und so macht es mittlerweile Spaß, die unterschiedlichen gegeneinander antretenden Teams zu beobachten, die meiner Meinung nach auf gar keinem so amateurhaften Niveau spielen. Die meisten Mannschaften haben professionelle Trikots, entsprechende Ausrüstung und sogar schon eine eigene Fangemeinde, die einen guten Schlag entsprechend honorieren. Ich denke an amerikanische Hollywood-Filme. Auch macht es Spaß, die vielen Familien zu beobachten, die das Wochenende nutzen, um sich auf die Wiese zu legen oder Boot zu fahren. Nicht selten sieht man Väter, die ihren kleinen Söhnen beibringen, wie man einen Baseballschläger professionell zu schwingen hat. Ich denke wieder an amerikanische Hollywood-Filme. Unnötig zu erwähnen, woran ich denke, wenn ich die ausgezehrten Jogger sehe, die mit ihren iPods und Innenohrkopfhörern ausgestattet ihre Runden drehen oder ein paar Meter weiter die Generation “Super Size Me”, die Rast am Hotdog-Stand eingelegt hat.
Ist der Central Park also typisch amerikanisch? Zumindest gelingt es ihm, alle New Yorker zu vereinen. Vom Bettler bis zum Businessman, von schwarz bis weiß, von Vitaminpräparat bis Big Mac. Vielleicht erklärt das auch die vielen Liebeserklärungen seiner Besucher oder die dutzenden liebkosenden New York Times Artikel oder die liebevoll-akribischen Grünanlagenpfleger.
Ich kann mich dem Eindruck nicht entziehen, es läge ein schützender Glasdeckel auf dem grünen Schmelztiegel.
Philadelphia
5. June 2009Metropolitain Opera
3. June 2009Abende in der Metropolitain Opera gehören eindeutig zu den Höhepunkten meines Aufenthalts in New York City. Am 9. Mai - kurz nach dem Verklingen der Ring-Tetralogie - zieht das American Ballet Theatre (ABT) in die heiligen Hallen des Hauses ein. Es ist Ballettsaison.
Tanzend gehe ich auch fast schon aus Vorfreude auf die Weltpremiere von Prokofjews “On the Dnieper”, in einer Inszenierung von Alexei Radmansky. Vom Bolschoi an die Met gekommen, ist der gebürtige Ukrainer für lebhafte, moderne Ausdrucksformen bekannt und schon längst ein Star in der Szene.
Die Subway stoppt in der 66th Street. Wenige Sekunden später stehe ich im Lincoln Center und bin ergriffen vom übergroßen kristallenen Leuchter, der von Hans Harald Rath in Kooperation mit Swarovski speziell für die Metropolitain Opera entworfen wurde. In Form von Sternenexplosionen reicht dieser von der Decke bis ins Erdgeschoss, wo er von den geschwungenen Treppen umrahmt wird. Spätestens beim Blick auf den weichen roten Samtteppich und die vergoldeten Wände weiß man, in was für einem besonderen Hause man sich befindet. Das 3800 Plätze und 6 Etagen umfassende Gebäude wurde Anfang der 60er Jahre von Wallace K. Harrison entworfen und ersetzte den Vorgängerbau am Broadway.
Viele Details beeindrucken: der prächtige Vorhang, die elegant in die Wände eingelassene Wasserversorgung, der elektronische Libretto-Service für jeden Platz und nicht zuletzt natürlich auch die edle Garderobe derer, die ebenfalls Zeuge der Prokofjev-Zusammenstellung werden wollen.
Radmansky löst ein, was er verspricht und zeigt eine sehr moderne Inszenierung. Ungewöhnliche, nicht selten sogar äußerst komplizierte Figuren bestimmen das Bild und heben die Spannung, trotz einer recht trivialen Liebesgeschichte, die den Inhalt zu “Am Dnjepr” bildet. Besonders die Hebefiguren erregen Erstaunen. Nur das Bühnenbild langeweilt, da man einmal mehr einen urklassischen Weg gewählt hat, anstatt angesichts dissonanter Klänge eine mutige Ummalung zu nutzen.
Bei “L’enfant prodigue” in einer Inszenierung von George Balanchine und “Le Désir”, eine Walzerzusammenstellung, hat man es besser gemacht und so wirkten die Pas de Deux’s auch eindrucksvoller.
“Eindrucksvoll” ist auch mein Resümé zur Metropolitain Opera.
Boston
1. June 2009Estate Sales
26. May 2009Seit über einem Jahr beherrschen Kreditblasen, Rezessionsängste und Kapitalismuskritik die Schlagzeilen. Hier, im Mutterland allen genannten Übels, sind die Auswirkungen auf Privathaushalte auch am deutlichsten spürbar. Besonders in den wohlhabenden Vierteln Upstates (so nennt man die Metropolregion New Yorks) rechnet der Immobilien-Sensenmann fleißig die Verspekulationen seiner Opfer ab.
Während die Krise die Wirtschaft gerodet hat, hat sie jedoch auch neue Setzlinge gepflanzt. So verzeichnen Kunst- und Antiquitätenhändler derzeit ein blühendes Gewerbe. Sie folgen dem Sensenmann auf Schritt und Tritt und helfen ihm beim Ausräumen, um anschließend an diejenigen weiterzuverkaufen, deren finanzielle Rücklagen nicht entschwunden sind.
An den Wochenenden heißt es nun also früh aufstehen und auf nach Westchester. Die gesamte Einrichtung von Knopf bis Couch kommt unter den Hammer. Estate Sale nennt man diese Aktion. Dabei kann man echte Schnäppchen machen, wenn Leute nicht wissen, was genau sie eigentlich verkaufen. Darum übernehmen meist spezialisierte Makler solche Ausverkäufe. Selbstredend, dass auch sie zu den eindeutigen Gewinnern der Krise gehören. Der Andrang auf derartige Gelegenheiten ist trotz der Vielzahl an selbigen immens. Extra für diesen Zweck eingerichtete Internetseiten verkünden rechtzeitig, wo es was zu holen gibt.
Drei Stunden vor dem angesetzten Beginn findet man sich dann meist in einer langen Schlange ungeduldiger Menschen wieder; so auch am Samstag. Ungewöhnlicherweise fand der Estate Sale diesmal mitten in Manhattan statt. Ausgeräumt wurde ein 6-Zimmer-Penthouse mit Direktblick aufs Chrysler Building, unweit vom MoMA. Das Ehepaar, das es bewohnte, hatte es in den 60er Jahren, als das Gebäude gebaut wurde, erstanden. Ein Blick durch das Labyrinth von Zimmern und Dachterrassen lässt keinen Zweifel, dass es sich um sehr gut situierte Leute gehandelt haben musste. Die Besitzerin besaß drei riesige begehbare Kleiderschränke sowie ein komplettes Kleiderzimmer, gefüllt mit feinster Garderobe von vier zurückliegenden Jahrzehnten. Die Etiketten lesen sich wie das „Who-is-who“ der Designer. Hauptattraktion eines Kleiderschranks war wohl der schneeweiße, voluminöse Lagerfeld-Pelzmantel mitsamt Schuhen, Handtasche, Muff und Schuhen. Einige der Frauen, die ich traf, haben einen Garderobenhandel. Andere interessieren sich wiederum nur für Geschirr. Ich selbst konzentrierte mich auf Kunstgegenstände, Bücher und Möbel, wurde jedoch nur teilweise fündig.
In einer kleinen Truhe fand ich ein Kärtchen, das den Finder im Falle des Verlusts eines Stückes bittet, es an den Besitzer - in diesem Fall Lidia Sava Callvert und Luminitza Sava - zurückzugeben. Es ist ein seltsames Gefühl, durch die Wohnung dieser Menschen zu gehen, die, wie ich herausbekam, durch die Madoff-Pleite einen großen Teil ihres Vermögens verloren haben. Es erinnert mich an eine Szene aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“, in der Amélie eine Blechschachtel findet, in der ein kleiner Junge für ihn wertvolle Dinge aufbewahrte. Dieser ist inzwischen 50 Jahre gealtert und wird durch Amélie in seine Kindheit zurückversetzt. Während ich Bücherwidmungen lese, Schränke öffne und Zimmer betrete, die so aussehen, als wäre Familie Sava Callvert nur eben kurz zum Einkaufen gefahren, habe ich ein ähnliches Gefühl. Ich lerne eine Familie kennen, ohne sie kennengelernt zu haben und erfahre indirekt viel über ihren Lebensalltag, ihre Interessen und ihre Angewohnheiten. Es ist offensichtlich, wen sie über die Jahre gewählt haben, wo man sich zurückgezogen hat, wenn man seine Ruhe haben wollte, welche Kunstrichtung ihnen gefallen hat, wie ihre Freunde sie genannt haben; selbst, wo sie miteinander geschlafen haben. Ich werde ebenso ungewollt in ihre Vergangenheit gestoßen und lerne im Vorbeigehen sehr viel über die amerikanische Kultur.
Letztlich habe ich einige Dinge gekauft, die ich versuche, weiterzuverkaufen. Dieses Ziel vereint den Großteil derer, die an Freitagen und Samstagen um 3 Uhr morgens aufstehen, um einer der ersten zu sein, die die Wohnung betreten. Dabei bekommt man Nummern, die angeben, der wievielte Interessent man ist.
Bei lukrativen Estate Sales kommt es nicht selten vor, dass in den letzten Minuten vor dem Anpfiff die Reifen quietschen und größere Händler dazustoßen, die dem ersten in der Schlange 50 oder 100 Dollar in die Hand drücken, um seinen Platz zu bekommen. Wenn sich dann die Pforten öffnen, kleben sie wie wild geworden Sticker an die Gegenstände ihrer Wahl. Das sind jedoch noch die harmloseren Methoden, denn unlauterer Wettbewerb blüht in den kritischen Zeiten ebenso auf. Sehr bekannt für seine Radikalität ist ein Händler, der es vorzieht, seine Konkurrenten wegzuschubsen oder deren Sticker von Dingen zu entfernen, mit denen er daraufhin zum Bezahlen geht. Oder aber er bringt seine Mutter mit, die sich hinter ihm in der Schlange einreiht. Während er schleunigst die Wohnung betritt, hat seine Mutter eine große Tasche auf dem Rücken und imitiert, dass sie aufgrund ihres Alters kaum vorwärts kommt, um die Menschen hinter ihr zu blockieren. Andere warten bis zum Schluss mit ihren gesammelten Gegenständen, um dann angesichts der Tatsache, dass niemand mehr da ist, weitaus günstigere Preise zu diktieren. Letztlich ist natürlich auch Diebstahl nicht selten.
Nichtsdestotrotz ist es eine sehr interessante Erfahrung, die ich hier in New York für mich entdeckt habe. Ich wünsche dennoch niemandem, dass fremde Menschen einmal wie wütige Aasgeier auf das Öffnen der einstmals eigenen Tür warten werden.






