Archiv der Rubrik „Kulturmix“
Columbia University
31. July 2009Meine Zukunftsvorstellungen drehen sich momentan um eine Entscheidungsfrage: direktes Masterstudium oder weitere Praxiserfahrungen? Nun sitze bei sommerlich-schwülem New Yorker Klima auf den Treppen der Columbia University und sehe meine Entscheidung deutlich zugunsten einer der beiden Möglichkeiten beeinflusst. Es weckt Sehnsucht, wenn man sich in die Morningside Heights begibt und von jenem monumentalen klassizistischen Gebäudekomplex umgeben ist, der Pulitzer- und Nobelpreisträger in der Vergangenheit förmlich produziert hat. Mein Blick fällt auf die vielen Studenten, die sich in deren Fußstapfen begeben möchten und eilig zur Vorlesung rennen oder gerade ihr Mittagessen (d.h. Starbucks Iced Coffee und Bagel) verspeisen. Nicht zuletzt auch das entfacht Wunsch und Antrieb, selbst die Beine in die Hand zu nehmen, um dafür zu sorgen, hier auch einestages über den Campus zu wandern; dann jedoch nicht als Außenstehender, sondern als Student oder Alumnus.
Central Park
15. June 2009Er ist Gegenstand zahlreicher Legenden, Tatort zahlreicher Verbrechen und zugleich Zufluchtsort zahlreicher New Yorker: der Central Park, grüner Korridor im Herzen Manhattans. Er wurde vor 150 Jahren eröffnet, nachdem sich Frederick Law Olmsted und Calvert Vaux nicht wenig Gedanken gemacht haben, wie man das ehemalige Sumpfgebiet in ein Erholungsgebiet verwandeln könnte. Bei so vielen Fehlentscheidungen zur Bebauung der Stadtfläche, muss man die Entscheidung der New Yorker Bürger und Bürgermeister deutlich honorieren. Immerhin haben sie kostbare 5% ihres Platzes hergegeben, um von der 59th bis zur 110th ein 3,4 km² großes Areal zu gewährleisten. Nach Vorbild der europäischen Gartenarchitektur wurden über 500.000 Bäume und Sträucher gepflanzt; es entstanden künstliche Seen, Sport- und Spielplätze, Restaurants, Fußwege, Statuen und kleinere Monumente. Heutzutage ist das pittoreske Idyll nicht mehr wegzudenken, auch wenn - oder gerade weil - die umliegenden Gebäude immer höher hinauswachsen. Gerade im Sommer ist es sehr angenehm, wenn man dem aufgeheizten Beton und Stahl der Avenues, dem dauerhaften Verkehrslärm und dem ungeheuren Takt, den die Stadt vorgibt, ein wenig entfliehen kann, um die Gedanken bei einem Buch und Sonnenstrahlen schweifen zu lassen.
Praktischerweise flankiert die 5th Avenue die gesamte Ostseite des Parks, so dass der Ausgang bei mir durchaus nicht selten eines der angrenzenden Museen ist. So gehe ich sehr gern am Sonntag in den Nachmittagsstunden ins Metropolitain Museum, um Teile der unglaublichen Sammlung auf mich wirken zu lassen. Zweifelsfrei werde ich diesem Museum demnächst einen eigenen Artikel widmen. Meine Heimat-Subway verkehrt auf den Linien 1, 2 und 3, so dass ich nach dem Museum immer den Park durchqueren muss, was ich gern über Umwege in Kauf nehme. Es mag an meinem nicht übermäßig stark ausgeprägten Orientierungssinn liegen, doch trägt sicher auch die schiere Größe der “grünen Lunge” des Big Apples dazu bei, dass ich jedes Mal andere Sehenswürdigkeiten passiere, wenn ich diesen Spaziergang antrete. Mir soll es recht sein, schließlich lasse ich mich gern von dem Gefühl tragen, das mich umgibt, wenn ich das Geschehen beobachte.
Das schließt so manches Softball-, Baseball- oder Lacrosse Match ein. Es soll jedoch nicht der Eindruck entstehen, ich würde mich zu genau damit auskennen. Einige Spielzüge haben sich mir dafür inzwischen erschlossen und so macht es mittlerweile Spaß, die unterschiedlichen gegeneinander antretenden Teams zu beobachten, die meiner Meinung nach auf gar keinem so amateurhaften Niveau spielen. Die meisten Mannschaften haben professionelle Trikots, entsprechende Ausrüstung und sogar schon eine eigene Fangemeinde, die einen guten Schlag entsprechend honorieren. Ich denke an amerikanische Hollywood-Filme. Auch macht es Spaß, die vielen Familien zu beobachten, die das Wochenende nutzen, um sich auf die Wiese zu legen oder Boot zu fahren. Nicht selten sieht man Väter, die ihren kleinen Söhnen beibringen, wie man einen Baseballschläger professionell zu schwingen hat. Ich denke wieder an amerikanische Hollywood-Filme. Unnötig zu erwähnen, woran ich denke, wenn ich die ausgezehrten Jogger sehe, die mit ihren iPods und Innenohrkopfhörern ausgestattet ihre Runden drehen oder ein paar Meter weiter die Generation “Super Size Me”, die Rast am Hotdog-Stand eingelegt hat.
Ist der Central Park also typisch amerikanisch? Zumindest gelingt es ihm, alle New Yorker zu vereinen. Vom Bettler bis zum Businessman, von schwarz bis weiß, von Vitaminpräparat bis Big Mac. Vielleicht erklärt das auch die vielen Liebeserklärungen seiner Besucher oder die dutzenden liebkosenden New York Times Artikel oder die liebevoll-akribischen Grünanlagenpfleger.
Ich kann mich dem Eindruck nicht entziehen, es läge ein schützender Glasdeckel auf dem grünen Schmelztiegel.
Metropolitain Opera
3. June 2009Abende in der Metropolitain Opera gehören eindeutig zu den Höhepunkten meines Aufenthalts in New York City. Am 9. Mai - kurz nach dem Verklingen der Ring-Tetralogie - zieht das American Ballet Theatre (ABT) in die heiligen Hallen des Hauses ein. Es ist Ballettsaison.
Tanzend gehe ich auch fast schon aus Vorfreude auf die Weltpremiere von Prokofjews “On the Dnieper”, in einer Inszenierung von Alexei Radmansky. Vom Bolschoi an die Met gekommen, ist der gebürtige Ukrainer für lebhafte, moderne Ausdrucksformen bekannt und schon längst ein Star in der Szene.
Die Subway stoppt in der 66th Street. Wenige Sekunden später stehe ich im Lincoln Center und bin ergriffen vom übergroßen kristallenen Leuchter, der von Hans Harald Rath in Kooperation mit Swarovski speziell für die Metropolitain Opera entworfen wurde. In Form von Sternenexplosionen reicht dieser von der Decke bis ins Erdgeschoss, wo er von den geschwungenen Treppen umrahmt wird. Spätestens beim Blick auf den weichen roten Samtteppich und die vergoldeten Wände weiß man, in was für einem besonderen Hause man sich befindet. Das 3800 Plätze und 6 Etagen umfassende Gebäude wurde Anfang der 60er Jahre von Wallace K. Harrison entworfen und ersetzte den Vorgängerbau am Broadway.
Viele Details beeindrucken: der prächtige Vorhang, die elegant in die Wände eingelassene Wasserversorgung, der elektronische Libretto-Service für jeden Platz und nicht zuletzt natürlich auch die edle Garderobe derer, die ebenfalls Zeuge der Prokofjev-Zusammenstellung werden wollen.
Radmansky löst ein, was er verspricht und zeigt eine sehr moderne Inszenierung. Ungewöhnliche, nicht selten sogar äußerst komplizierte Figuren bestimmen das Bild und heben die Spannung, trotz einer recht trivialen Liebesgeschichte, die den Inhalt zu “Am Dnjepr” bildet. Besonders die Hebefiguren erregen Erstaunen. Nur das Bühnenbild langeweilt, da man einmal mehr einen urklassischen Weg gewählt hat, anstatt angesichts dissonanter Klänge eine mutige Ummalung zu nutzen.
Bei “L’enfant prodigue” in einer Inszenierung von George Balanchine und “Le Désir”, eine Walzerzusammenstellung, hat man es besser gemacht und so wirkten die Pas de Deux’s auch eindrucksvoller.
“Eindrucksvoll” ist auch mein Resümé zur Metropolitain Opera.
Estate Sales
26. May 2009Seit über einem Jahr beherrschen Kreditblasen, Rezessionsängste und Kapitalismuskritik die Schlagzeilen. Hier, im Mutterland allen genannten Übels, sind die Auswirkungen auf Privathaushalte auch am deutlichsten spürbar. Besonders in den wohlhabenden Vierteln Upstates (so nennt man die Metropolregion New Yorks) rechnet der Immobilien-Sensenmann fleißig die Verspekulationen seiner Opfer ab.
Während die Krise die Wirtschaft gerodet hat, hat sie jedoch auch neue Setzlinge gepflanzt. So verzeichnen Kunst- und Antiquitätenhändler derzeit ein blühendes Gewerbe. Sie folgen dem Sensenmann auf Schritt und Tritt und helfen ihm beim Ausräumen, um anschließend an diejenigen weiterzuverkaufen, deren finanzielle Rücklagen nicht entschwunden sind.
An den Wochenenden heißt es nun also früh aufstehen und auf nach Westchester. Die gesamte Einrichtung von Knopf bis Couch kommt unter den Hammer. Estate Sale nennt man diese Aktion. Dabei kann man echte Schnäppchen machen, wenn Leute nicht wissen, was genau sie eigentlich verkaufen. Darum übernehmen meist spezialisierte Makler solche Ausverkäufe. Selbstredend, dass auch sie zu den eindeutigen Gewinnern der Krise gehören. Der Andrang auf derartige Gelegenheiten ist trotz der Vielzahl an selbigen immens. Extra für diesen Zweck eingerichtete Internetseiten verkünden rechtzeitig, wo es was zu holen gibt.
Drei Stunden vor dem angesetzten Beginn findet man sich dann meist in einer langen Schlange ungeduldiger Menschen wieder; so auch am Samstag. Ungewöhnlicherweise fand der Estate Sale diesmal mitten in Manhattan statt. Ausgeräumt wurde ein 6-Zimmer-Penthouse mit Direktblick aufs Chrysler Building, unweit vom MoMA. Das Ehepaar, das es bewohnte, hatte es in den 60er Jahren, als das Gebäude gebaut wurde, erstanden. Ein Blick durch das Labyrinth von Zimmern und Dachterrassen lässt keinen Zweifel, dass es sich um sehr gut situierte Leute gehandelt haben musste. Die Besitzerin besaß drei riesige begehbare Kleiderschränke sowie ein komplettes Kleiderzimmer, gefüllt mit feinster Garderobe von vier zurückliegenden Jahrzehnten. Die Etiketten lesen sich wie das „Who-is-who“ der Designer. Hauptattraktion eines Kleiderschranks war wohl der schneeweiße, voluminöse Lagerfeld-Pelzmantel mitsamt Schuhen, Handtasche, Muff und Schuhen. Einige der Frauen, die ich traf, haben einen Garderobenhandel. Andere interessieren sich wiederum nur für Geschirr. Ich selbst konzentrierte mich auf Kunstgegenstände, Bücher und Möbel, wurde jedoch nur teilweise fündig.
In einer kleinen Truhe fand ich ein Kärtchen, das den Finder im Falle des Verlusts eines Stückes bittet, es an den Besitzer - in diesem Fall Lidia Sava Callvert und Luminitza Sava - zurückzugeben. Es ist ein seltsames Gefühl, durch die Wohnung dieser Menschen zu gehen, die, wie ich herausbekam, durch die Madoff-Pleite einen großen Teil ihres Vermögens verloren haben. Es erinnert mich an eine Szene aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“, in der Amélie eine Blechschachtel findet, in der ein kleiner Junge für ihn wertvolle Dinge aufbewahrte. Dieser ist inzwischen 50 Jahre gealtert und wird durch Amélie in seine Kindheit zurückversetzt. Während ich Bücherwidmungen lese, Schränke öffne und Zimmer betrete, die so aussehen, als wäre Familie Sava Callvert nur eben kurz zum Einkaufen gefahren, habe ich ein ähnliches Gefühl. Ich lerne eine Familie kennen, ohne sie kennengelernt zu haben und erfahre indirekt viel über ihren Lebensalltag, ihre Interessen und ihre Angewohnheiten. Es ist offensichtlich, wen sie über die Jahre gewählt haben, wo man sich zurückgezogen hat, wenn man seine Ruhe haben wollte, welche Kunstrichtung ihnen gefallen hat, wie ihre Freunde sie genannt haben; selbst, wo sie miteinander geschlafen haben. Ich werde ebenso ungewollt in ihre Vergangenheit gestoßen und lerne im Vorbeigehen sehr viel über die amerikanische Kultur.
Letztlich habe ich einige Dinge gekauft, die ich versuche, weiterzuverkaufen. Dieses Ziel vereint den Großteil derer, die an Freitagen und Samstagen um 3 Uhr morgens aufstehen, um einer der ersten zu sein, die die Wohnung betreten. Dabei bekommt man Nummern, die angeben, der wievielte Interessent man ist.
Bei lukrativen Estate Sales kommt es nicht selten vor, dass in den letzten Minuten vor dem Anpfiff die Reifen quietschen und größere Händler dazustoßen, die dem ersten in der Schlange 50 oder 100 Dollar in die Hand drücken, um seinen Platz zu bekommen. Wenn sich dann die Pforten öffnen, kleben sie wie wild geworden Sticker an die Gegenstände ihrer Wahl. Das sind jedoch noch die harmloseren Methoden, denn unlauterer Wettbewerb blüht in den kritischen Zeiten ebenso auf. Sehr bekannt für seine Radikalität ist ein Händler, der es vorzieht, seine Konkurrenten wegzuschubsen oder deren Sticker von Dingen zu entfernen, mit denen er daraufhin zum Bezahlen geht. Oder aber er bringt seine Mutter mit, die sich hinter ihm in der Schlange einreiht. Während er schleunigst die Wohnung betritt, hat seine Mutter eine große Tasche auf dem Rücken und imitiert, dass sie aufgrund ihres Alters kaum vorwärts kommt, um die Menschen hinter ihr zu blockieren. Andere warten bis zum Schluss mit ihren gesammelten Gegenständen, um dann angesichts der Tatsache, dass niemand mehr da ist, weitaus günstigere Preise zu diktieren. Letztlich ist natürlich auch Diebstahl nicht selten.
Nichtsdestotrotz ist es eine sehr interessante Erfahrung, die ich hier in New York für mich entdeckt habe. Ich wünsche dennoch niemandem, dass fremde Menschen einmal wie wütige Aasgeier auf das Öffnen der einstmals eigenen Tür warten werden.



